Viszerale Körperarbeit

Die osteopathische Behandlung der inneren Organe ist eine therapeutische Methode, die in Deutschland bisher nur von wenigen ausgeübt wird. Dies liegt vor allem daran, dass die "normale" Physiotherapie sich seltsamerweise meist in Form einer freiwilligen Selbstbeschränkung auf Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke reduziert. Nur bei wenigen reflektorischen Therapien, wie der Fußreflexzonenbehandlung oder dem Shiatsu, wo erfahrungsmedizinisch vom äußerlich zugänglichen Bewegungsapparat auf die Organtätigkeit eingegangen wird, ist das anders.

Die viszerale Körperarbeit geht jedoch weit darüber hinaus: Ihr direkter Ansatz, über die manuelle Behandlung der viszeralen Organe, deren eigene physiologische Funktion im Sinne einer manuellen inneren Medizin und darüber hinaus die Gesundung des Bewegungsapparats zu fördern, ist auf den ersten Blick ungewohnt. Wer Erfahrungen mit ihr sammelt, stellt fest: Viszerale Körperarbeit wirkt – und zwar tief.

Ein anschauliches Beispiel: Wer als Behandler/-in einer chronifizierten Schultergelenkssymptomatik nicht weiter kommt, sollte sich dringend um eine effiziente viszerale Behandlung der Leber kümmern. Wer an einem therapieresistenten Bandscheibenvorfall fast verzweifelt, hat möglicherweise die Rechnung ohne den Dickdarm bzw. den Urogenitaltrakt gemacht. Über ihr Mesenchym und die Mesenterien sind die inneren Organe genauso wesentlich und aktiv mit der Gesamtheit des bindegewebigen Bewegungsapparats gekoppelt, wie ein Ileosakralgelenk oder ein Fuß.

Organe bewegen sich entsprechend ihrer Eingliederung, Verankerung und Tätigkeit in einer ihnen spezifischen Art und Weise und entlang einer ihnen gemäßen Bewegungsachse. Ein viszerales Organ zieht seine charakteristische Bahn, seine Schleife, seine Spirale, seine Kreise und windet sich zum Teil in seiner spezifischen Peristaltik. Einschränkungen dieser Bewegungen entstehen durch belastete Lebensführung, Traumata und erstarrte Haltungsbesonderheiten.

Die Eigenbewegung der Organe Magen, Dickdarm, Galle oder Herz ist lebendiger Ausdruck der kranken wie auch der gesunden Funktionalität dieser Organe und des Zustands unseres Bewegungsapparats. Ihre Qualität, ihre Kraft aber auch der Grad ihrer Einschränkung beeinflusst die Befindlichkeit des ganzen Menschen. Über sanfte osteopathische Kontaktnahme kann zu ihrer Gesundung beigetragen werden und der Schlüssel zur ganzheitlichen Heilung bewegt werden. Hier liegt die Domäne der viszeralen Körperarbeit.

Jedem offensichtlich ist die Notwendigkeit der Behandlung narbiger "Verklebungen" und Adhäsionen nach Unfällen oder größeren OPs, wie zum Beispiel der Nachsorge von Krebspatienten nach Lymphadenektomien. Doch viszerale Körperarbeit ist genauso wertvoll bei klassisch neurologischen Indikationen oder – wie oben erwähnt – in der Orthopädie. Jeder Patient wird auch von innen her bewegt und von diesem viszeralen Bewegungsraum her nach außen ausgerichtet. Das viszerale Bindegewebe ist sozusagen unsere innere Verwurzelung, die in die Peripherie hinein wirkt und genauso Impulse von der Peripherie nach zentral hin erfährt, die an den Organen wirken.

Offensichtlich wird dies zum Beispiel in der Resonanz von Atemmuster und Körperhaltung. Die Spannungsverhältnisse um den Solarplexus herum, die Funktionalität der Baucheingeweide und die Verankerung des Herzens im Perikard orientieren und spiegeln unser gesamtes "Verhalten", bzw. den Umgang mit unseren Gefühlen und Emotionen. Deshalb eignet sich die Methode auch hervorragend für die Behandlung von Spannungs- und Stresspatienten sowie dem breiten Feld der psychosomatischen und Angst-Erkrankungen.

Mittels dieser Methodik gezielt zu behandeln will gelernt sein. Die meisten anatomisch-physiologischen und biomechanischen Zusammenhänge sind bei der viszeralen Körperarbeit im wahrsten Sinne des Wortes verborgener als an der Oberfläche des Muskel-Skelettsystems. Die Techniken im Umgang mit verschiedenen Organen ähneln sich jedoch auch immer wieder: Es geht um geeigneten Zugang, das stimmige Verfolgen der inneren Bewegungen, das Erspüren von Bewegungs- und Spannungsmustern und deren Umsetzung in eine physiologischere Freisetzung.

Mittels spezifischer manueller Impulse wird eine Bewegungsphase intensiviert, eine andere beruhigt, eine überschießende Kompensation ins Leere laufen gelassen, eine vitale Quelle ermutigt – mit anderen Worten: Die Beweglichkeit der inneren Organe wird unterstützt oder herausgefordert, je nach individuellem Bedarf und aktueller Befindlichkeit. Viszerale Körperarbeit hat somit mehr mit einer inneren Bewegungsführung oder einem Lernvorgang für die Organe zu tun, als mit einer "Bauch-Chiropraktik" im Sinne der früheren Titulierung "Viszerale Manipulation".

Die viszerale Körperarbeit bietet den Zugang zu unmittelbarer Einbindung dieser verfeinerten Behandlungsprinzipien in verschiedenste andere Behandlungsformen und eignet sich hervorragend als Ergänzung zu Craniosakraler Körperarbeit und den osteopathischen faszialen Techniken.


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